DAS RINGEN UM DIE REALSCHULE

Bis 1922 berichtet die MHZ von der Präparandenschule das Übliche: Aufnahmeprüfungen (,,Mitzubringen sind Geburts-und Taufzeugnis, Wiederimpfschein, das Volksschulzeugnis und ein bezirksärztliches Zeugnis, außerdem eine Bescheinigung über Vermögen und Erwerbsverhältnisse der Eltern’’) und Schulfeiern, Sportwettkämpfe mit dem Turnverein und ähnliche Aktivitäten. Im Schuljahr 1919/20 besuchen 47 Kinder die Schule (9 die erste, 18 die zweite und 20 die dritte Klasse), für 1920/21 werden 19 angemeldet und für 1922/23 gar 27.

In der Stadtratssitzung Mitte Januar 1923 überrascht Stadtrat Primus mit einer Anfrage: ,,Der Stadtrat möge der beabsichtigten Auflassung der Präparandenschule volles Augenmerk zuwenden.’’ Der Bürgermeister bestätigt, er habe verschiedene Gespräche geführt, auch sei noch nichts definitiv entschieden, aber mit der Schließung der Schule sei mit großer Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Das endgültige Aus kommt auch mit einem Schreiben des Kultusministeriums vom 26. Januar: Die Schule habe von einer Ausschreibung für das neue Schuljahr abzusehen, ihre Schüler würden der Lehrerbildungsanstalt Bayreuth zugewiesen. Die Maßnahme wird mit dem geringen Besuch begründet; dabei durften aber im Schuljahr 1922/23 von den 27 angemeldeten Kindern nur 14 aufgenommen werden! Das wiederum war mit den miserablen Anstellungsmöglichkeiten für Lehrer zu erklären, und viele Absolventen wollten ja Lehrer werden. Mit der Münchberger Schule werden noch weitere 11 in Bayern geschlossen.

In den folgenden Wochen beherrschen die Klage über den Verlust ,,unserer Präparandenschule’’, wie die MHZ immer schreibt, und die Bemühungen um eine Mittelschule, ,,in welcher unsere Kinder bis zum vollendeten 16. Lebensjahr weitergebildet werden können’’ die Zeitung. Das Ministerium beantwortet diesbezügliche Anfragen mit dem Hinweis, dass es zunächst Sache der Stadt und des Kreises (Oberfranken) sei, entsprechende Beschlüsse zu fassen und eine Genehmigung einzuholen. Dazu sei auch ein Bedarfsnachweis erforderlich. Die Stadt schaltet schnell: In einer Anzeigenaktion werden die Eltern von Kindern mit 9 bis 12 Jahren aufgefordert zu erklären, dass sie ihre Kinder in die Realschule Münchberg schicken werden.

Die Appelle an die Bevölkerung (,,Wird diesmal die Gelegenheit verpasst, so wird wohl dann die Aussicht, eine Realschule zu erhalten, also die Möglichkeit, seinen Kindern auf verhältnismäßig billigem Wege eine gediegene Ausbildung für das Leben zu schaffen, für immer vorbei sein’’( MHZ am 13. Februar 1923), haben Erfolg. Bis zum 15. Februar gibt es 160 Anmeldungen, davon 92 aus Münchberg und 20 aus Helmbrechts. Das Staatsministerium hatte die Errichtung neuer Schulen dort in Aussicht gestellt, wo sich sog. ,,Schulwüsten’’ zeigen, und zugegeben, ,,dass Münchberg der Mittelpunkt einer solchen Schulwüste genannt werden darf’’. Der Bezirk Münchberg sei von drei Bezirksämtern ohne Mittelschulen umgeben, argumentieren Stadt und Bezirk; mit 62000 Einwohnern sei der Bezirk ebenso groß wie Kulmbach, Marktredwitz und Wunsiedel; die industrielle Umgebung, Handwerk und Gewerbe legten Wert auf fundierte Ausbildung der Jugendlichen; die Stadt habe seit 100 Jahren den Wunsch nach einer Realschule; von 1833 bis 1890 habe es eine private Lateinschule gegeben, die seinerzeit nur aus finanziellen Gründen nicht zur Mittelschule ausgebaut werden konnte; vor allem habe die Stadt 1908/09 für die Errichtung des Präparandenschulgebäudes (,,eines der schönsten, vielleicht das schönste Schulgebäude Bayerns!’’) eine Menge Geld investiert, das dürfe nicht vergebens sein.

,,Abgeordnete heraus, und zeigt, dass ihr uns nicht nur mit schönen Reden, sondern auch mit Taten zu erfreuen versteht!’’ fordert die Zeitung am 6. März. Eine Deputation (3. Bürgermeister Oberländer, die Stadträte Fleißner und Hertrich, Verleger Günther) fährt nach München zu Gesprächen mit der Regierung und bringt die Nachricht mit, ,,das Staatsministerium für Unterricht und Kultus werde der Errichtung einer Mittelschule in Münchberg unter der Voraussetzung die Genehmigung erteilen, dass der Stadtrat mit Unterstützung der Interessenten und des Kreises den Personal- und Sachbedarf aufzubringen vermag. Das gesamte Inventar der seitherigen Präparandenschule, auf das schon mehrere andere Schulen ein begieriges Auge geworfen hatten, mit Ausnahme der Musikinstrumente (Orgel!) werde der neuen Anstalt verbleiben.’’ Die Errichtung muss kostenneutral erfolgen, würde man heute sagen, es darf den Staat nichts kosten. Da aber in absehbarer Zeit alle Realschulen vom Staat übernommen werden sollten, schien das Problem für die Stadt ,,in wohlwollendster Weise’’ gelöst. Es dauerte freilich bis in die 50er Jahre, ehe es zur Verstaatlichung kam.

Am 12. März 1923 beschließt der Stadtrat die Errichtung einer städtischen Realschule, am 27. März sagt der Kreisausschuss von Oberfranken zu, ,,die Realschule Münchberg bezüglich der Zuschüsse genauso zu behandeln wie die anderen Realschulen.’’

Von der letzten Schlussfeier der Präparandenschule berichtet die MHZ am 22. März; das ,,Abschiednehmen von einer liebgewordenen Stätte’’ vereint in Wehmut die Offiziellen und die Ehemaligen. Ende des Monats verlassen die Lehrkräfte Münchberg. Der langjährige Leiter, Studiendirektor Heinrich Krauß, und Studienlehrer Albin Köhler werden an die Lehrerbildungsanstalt Bayreuth versetzt, die Studienlehrer Karl Lauterbach und Oskar Schirmer an das Lehrerseminar Altdorf.

Für die neue Realschule werden ein Studienrat und 2 Studienassessoren gesucht. Es melden sich 23 Bewerber. Zunächst werden die Studienassessoren Dr. Josef Baumeister und Alois Schrittenloher angestellt, die Leitung der Schule übernimmt einstweilen das Rektorat der Oberrealschule Hof. Für den Zeichenunterricht wird Granitwerksbesitzer Reul aus Sparneck gewonnen, für Musik und Gesang Volksschullehrer Georg Benker, den alten Münchbergern sicher noch als ,,Benkers Gerch’’ bekannt.

Am 1. Mai 1923 wird die Realschule Münchberg um 8 Uhr mit einem Gottesdienst und Ansprachen von 2. Bürgermeister Höhn, Bezirksamtmann Wilke und Bezirksschulrat Gründonner eröffnet. Danach beginnt der Unterricht für 79 Mädchen und Jungen in zwei Klassen. Das Schulgeld ist vom Stadtrat auf 4000 Mark monatlich für ,,Minderbemittelte’’, 6000 Mark für ,,Bessersituierte’’ und 8000 Mark für Auswärtige festgesetzt. Die gewaltige Steigerung gegenüber der Präparandenschulzeit (1921 150 Mark, 1922 300 Mark) war inflationsbedingt.


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